Die argentinische KMU-Industrie durchlebt eine ihrer schwersten Phasen der letzten Jahre. Eine Erhebung der Fundación Observatorio PyME (FOP) für das zweite Quartal 2026 bestätigt: Die Produktion ist auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren gefallen, die Beschäftigung verzeichnet 14 Quartale in Folge Rückgänge und die Zahlungskette zeigt deutliche Ermüdungserscheinungen.
Zahlungsverzüge: Ein alarmierender Trend
Laut Bericht hatten 24 % der industriellen KMU zwischen April und Juni mindestens eine Zahlungsverzögerung. Diese Zahl hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt: Im gleichen Zeitraum 2025 lag sie bei 12 %. Die häufigsten Verzüge betrafen Steuern (17,3 %), Lieferanten (15,3 %) und Banken (8,6 %).
Auch beim Einzug der Forderungen sieht es nicht besser aus: 62 % der Unternehmen gaben an, dass ihre Kunden die Zahlungsfristen verlängert haben. Davon meldeten 40,9 % leichte und 21,7 % erhebliche Verzögerungen.
| Indikator | Q2 2026 | Q2 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Unternehmen mit mindestens einem Zahlungsrückstand | 24 % | 12 % | +100 % |
| Verzug bei Steuern | 17,3 % | 8,6 % | +101 % |
| Verzug bei Lieferanten | 15,3 % | 5,7 % | +168 % |
| Verzug bei Banken | 8,6 % | 3,4 % | +153 % |
| Kunden mit längeren Zahlungszielen | 62 % | k. A. | – |
Produktion und Beschäftigung: Rote Zahlen
Der Rückgang der Wirtschaftsaktivität bildet den Hintergrund. Die KMU-Produktion fiel saisonbereinigt um 3,6 % gegenüber dem ersten Quartal und um 11 % im Jahresvergleich. Damit erreichte das Produktionsvolumen den niedrigsten Stand seit 2019. Besonders stark betroffen waren kleine Unternehmen, wie es dem historischen Trend entspricht.
Auch die Beschäftigung gibt keine Entwarnung: Die Arbeitsplätze im Sektor sanken im Quartal um 0,8 % und im Jahresvergleich um 4,5 % – das sind 14 aufeinanderfolgende Quartale mit Rückgängen. Das bedeutet mehr als drei Jahre mit Vernichtung formaler Arbeitsplätze in der kleineren verarbeitenden Industrie.
Kosten, Rentabilität und Investitionen: Ein Teufelskreis
Der Bericht zeigt, dass 73 % der KMU einen stärkeren Kostenanstieg als bei ihren Verkaufspreisen erlebten, insbesondere bei Energie und Transport. In der Folge gab 69 % an, dass sich ihre Rentabilität gegenüber dem Vorjahr verschlechtert hat. Diese Situation hält seit fünf Quartalen an.
Der Margenverlust wirkt sich direkt auf die Investitionen aus: Nur 34,6 % der Unternehmen halten den aktuellen Zeitpunkt für gut, um zu investieren – der niedrigste Wert seit zwei Jahren. Bei den Firmen mit verbesserter Rentabilität sehen 57,7 % günstige Bedingungen; bei denen mit verschlechterter Rentabilität nur 26,8 %.
Erwartungen: Leichte Erholung, aber weiterhin im negativen Bereich
Der Index des unternehmerischen Vertrauens für KMU (ICE) stieg von 40 auf 43 Punkte, bleibt aber unter der 50-Punkte-Marke, die Pessimismus von Optimismus trennt. Der PMI für KMU, ein Frühindikator für den Konjunkturzyklus, kletterte von 34 auf 44 Punkte, verharrt jedoch in der Kontraktionszone.
Importe: Substitution und externer Druck
Die Handelsöffnung hat den Wettbewerb verschärft. 47 % der KMU äußerten Besorgnis über den Vormarsch importierter Produkte. Noch besorgniserregender: 25 % der Firmen ersetzten lokale Vorleistungen oder Teile ihrer eigenen Produktion durch Waren aus dem Ausland. 15 % nahmen importierte Fertigprodukte ins Sortiment, um ihr Angebot zu vervollständigen.
Die steuerliche Belastung als zentraler Kritikpunkt
In diesem Umfeld ist die Steuerentlastung die wichtigste Forderung. 32,8 % der Unternehmen verlangen eine Senkung der Sätze bei der Einnahmensteuer (Ingresos Brutos), der Abgabe, die ihren Betrieb am stärksten belastet, gefolgt von kommunalen Gebühren, der Schecksteuer und den Arbeitgeberbeiträgen. 29,7 % fordern niedrigere Arbeitgeberbeiträge.
RIGI: Das große Versprechen, das bei KMU nicht ankommt
Das Régimen de Incentivo para Grandes Inversiones (RIGI), ein Anreizsystem für Großinvestitionen, wurde als Entwicklungsmotor angepriesen – doch die Beteiligung der KMU ist marginal: Nur 1,5 % sind als direkte Zulieferer von Projekten im Rahmen des RIGI tätig, 3,2 % indirekt. 80,5 % haben keinerlei Beteiligung.
Die Kombination aus sinkender Nachfrage, komprimierten Margen, Kreditbeschränkungen und Steuerdruck zeichnet ein komplexes Bild für das argentinische Produktionsgefüge. Die Daten des zweiten Quartals bestätigen: Die Erholung hat den industriellen KMU-Sektor noch nicht erreicht.