Die stille Epidemie in Argentinien wächst
Ein Bericht des Observatorio de Política Criminal (Observatorium für Kriminalpolitik), vorgestellt vor der Ständigen Versammlung für Menschenrechte (APDH), stützt sich auf offizielle Daten des Nationalen Systems für Kriminalinformationen (SNIC) und des Frühwarnsystems für Suizide (SAT-SS). Er belegt, dass Suizide in Argentinien Rekordzahlen erreicht haben und seit 2023 die häufigste gewaltsame Todesursache im Land sind.
Die Entwicklung der Zahlen im Überblick
Im Jahr 2025 wurden 5.209 Suizide in Argentinien registriert – die höchste jemals gemessene Zahl. Das entspricht einer landesweiten Rate von 11,8 Fällen pro 100.000 Einwohner. Damit liegt Argentinien hinter Uruguay auf dem zweiten Platz in Südamerika.
| Jahr | Suizide | Rate pro 100.000 Einw. |
|---|---|---|
| 2017 | 3.304 | 8,2 |
| 2018 | 3.903 | 9,6 |
| 2019 | 3.647 | 8,9 |
| 2020 | 3.262 | 7,8 |
| 2021 | 3.648 | 8,7 |
| 2022 | 3.959 | 9,3 |
| 2023 | 4.205 | – |
| 2024 | 4.249 | 9,8 |
| 2025 | 5.209 | 11,8 |
Der Anstieg beträgt 30% gegenüber 2020 und übertrifft inzwischen die Verkehrstoten (3.539 Verkehrstote im Jahr 2024, das sind 34,7% der gewaltsamen Todesfälle) und Tötungsdelikte (1.802 Tötungsdelikte, 17,7%).
Das Beispiel der Provinz Buenos Aires und San Juan
Die Provinz Buenos Aires, die bevölkerungsreichste Provinz Argentiniens, verzeichnete 1.267 Suizide im Jahr 2024 – eine Rate von 7,5 pro 100.000. Der Großraum Buenos Aires hatte 754 Fälle (Rate 7,0), während das Inland der Provinz mit einer Rate von 8,6 noch höher lag.
San Juan (Zentralargentinien) lag 2025 mit 12,3 Suiziden pro 100.000 Einwohnern auf dem nationalen Durchschnitt bzw. leicht darüber – die Region gehört damit zu den am stärksten betroffenen des Landes. Seit 2023 ist Suizid in ganz Argentinien die erste Todesursache unter allen gewaltsamen Toden.
Wer ist am stärksten betroffen?
- Männer: 80,6% der Fälle – 3.425 von 4.249 im Jahr 2024
- Alter: 38% der Suizide betrifft die Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen
- Risikogruppen: Die höchsten Raten liegen in den Altersgruppen 20–24 und 25–29 Jahren (jeweils 16 pro 100.000).
- Ältere Menschen: Die Gruppe der 80–84-Jährigen hat eine Rate von 12,6 – über dem nationalen Mittelwert.
Ursachen und Risikofaktoren
Der Bericht betont, dass Suizid nicht auf einen einzelnen Auslöser zurückzuführen ist. Das sogenannte „gesellschaftliche Klima“, das von Wirtschaftskrisen, sozialer Isolation und dem Verlust von Zusammenhalt geprägt ist, spielt eine entscheidende Rolle. Zu den häufigsten Auslösern gehören:
- Sozioökonomische Schwierigkeiten mit Druck auf die Haushalte.
- Gefühl der Einsamkeit – vor allem in Regionen mit schwachen Netzwerken.
- Gewalt und angespannte Beziehungen.
- Barieren beim Zugang zu medizinischer Versorgung – insbesondere psychiatrischen Angeboat.
- Stigma, das oft die Suche nach Hilfe verhindert.
Der Bericht stellt klar: „Die Person, die Suizid begeht, möchte nicht sterben“ – sie durchlebt einen schmerzhaften Zwiespalt und will nur dann sterben, wenn sich die Lebenssituation nicht ändern kann.
Suizidprävention – das Schweigen brechen
Suizid ist vermeidbar. Der erste Schritt ist, das Tabu zu durchbrechen. Entgegen eines alten Mythos erhöht das Sprechen über das Thema nicht das Risiko, sondern schafft Raum für Unterstützung und reduziert die Gefahr. Warnsignale, die man ernst nehmen sollte:
- Starker Rückzug von Familie und Freunden.
- Wiederkehrende negative Gedanken oder Hoffnungslosigkeit.
- Schlafstörungen, veränderter Appetit oder Arbeitsunfähigkeit.
- Unkontrollierbares Weinen oder plötzliche Verhaltensänderungen.
Hilfsangebote in Argentinien: Línea 135 (Nationale Notrufnummer, Option 7) – auch für die Provinz San Juan gibt es ein Zentrum für Sucht- und Psychentalgesundheit: Telefon (0264) 421-1012 oder die Notfallabteilung des Krankenhaus Guillermo Rawson.