Ein bahnbrechender Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) räumt ein: Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens ist nicht mehr erreichbar. Die Erde hat sich bereits um 1,4 Grad erwärmt. Nun diskutieren Experten, wie die temporäre Überschreitung bewältigt werden kann, ohne in Resignation zu verfallen.

Ein Wendepunkt im Klimaschutz

Am 2. September 2026 veröffentlichte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) einen Bericht, der die Grundfesten der globalen Klimapolitik erschüttert. Das Dokument, an dem Dutzende Wissenschaftler mitwirkten, kommt zu dem Schluss, dass das im Pariser Abkommen von 2015 festgelegte Limit von +1,5 Grad Celsius – unterzeichnet von fast 200 Ländern – nicht eingehalten werden kann. Die Herausforderung besteht nun nicht mehr darin, die Überschreitung zu verhindern, sondern sie zu managen.

Die Erde hat sich seit der vorindustriellen Zeit (1850-1900) bereits um etwa 1,4 Grad Celsius erwärmt, und es wird erwartet, dass die 1,5-Grad-Schwelle in den kommenden Jahren überschritten wird. Der Bericht mit dem Titel „Paradox des Fortschritts“ schlägt einen Perspektivwechsel vor: Die Dauer und das Ausmaß der „Überschreitungsphase“ sollen reduziert werden – durch tiefgreifende und schnelle Emissionssenkungen, kombiniert mit Techniken zur Kohlenstoffabscheidung (Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre und Speicherung).

„Es ist eine Rückkehr zur Realität. Wir müssen mit dieser wärmeren Welt leben, aber es bleibt noch viel zu tun, um die Erwärmung zu begrenzen“, sagte Richard Betts, Co-Autor des Berichts und Wissenschaftler an der Universität Exeter.

Kritische Stimmen: Gefahr der Apathie?

Der Bericht ist nicht unumstritten. Jasper Inventor von Greenpeace International nannte den Moment „herzzerreißend“, betonte aber: „Dieses Überschreiten ist kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen und das 1,5-Grad-Ziel aufzugeben.“ Bill Hare von Climate Analytics warnte, der Bericht könne als „Aufruf zur Gleichgültigkeit“ verstanden werden.

Lili Fuhr vom Center for International Environmental Law (CIEL) stellte spekulative technologische Lösungen in Frage: „Der einzige Weg, den Schaden zu minimieren, ist, die Emissionen sofort zu reduzieren.“

Klimagovernance: Ein Umdenken ist nötig

Die südafrikanische Klimawissenschaftlerin Debra Roberts, ebenfalls Co-Autorin, betonte: „Wir müssen unsere Klimagovernance neu überdenken, um mit einer Überschreitung umzugehen. Keiner unserer Pläne ist darauf vorbereitet.“

Die Exekutivdirektorin des UNEP, Inger Andersen, war deutlich: „Es wird kein günstiges Ende geben, wenn wir über 1,5 Grad bleiben.“ UN-Generalsekretär António Guterres erinnerte daran, dass „der Kampf um die Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad der Kampf um die Menschheit ist“.

Konkrete Risiken und Folgen

Das Überschreiten der 1,5-Grad-Schwelle bedeutet extremere Wetterphänomene, das Kollabieren von Eisschilden und das Verschwinden tropischer Korallenriffe. Im Pazifik sind die Auswirkungen bereits spürbar: Nahrungsmittelknappheit, Trinkwasserknappheit durch den steigenden Meeresspiegel, die Abwanderung von Thunfisch nach Osten und ein Verlust von 65 % der Fänge für Küstenfischer.

Dieser Bericht folgt auf die Anerkennung von Guterres im Jahr 2025, dass das Überschreiten der 1,5-Grad-Marke unvermeidlich sei. Nun debattieren Wissenschaft und Politik, wie verhindert werden kann, dass die Diagnose zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

Wichtige Fakten des Berichts

  • Datum: 2. September 2026
  • Organisation: UNEP
  • Aktuelle Erwärmung: 1,4 °C seit 1850-1900
  • Prognose: Überschreitung von 1,5 °C in den nächsten Jahren
  • Vorgeschlagene Maßnahmen: Tiefe Emissionssenkungen + CO2-Abscheidung

Quelle: Euronews