Ein Schatz, der fast ein Jahrhundert verborgen blieb
Was als einfache Renovierung der Wasserrohre in einem Wohnhaus in Ostflandern begann, wurde zu einer der überraschendsten Entdeckungen des Jahres. Die Arbeiter stießen beim Durchbohren des Fundaments im Keller auf eine Kiste voller Goldbarren und hunderter Goldmünzen, deren Wert auf rund 9 Millionen Euro (ca. 10,4 Millionen US-Dollar) geschätzt wird.
Der Fund ereignete sich Anfang dieser Woche in der Stadt Dendermonde (rund 47.000 Einwohner) in der Provinz Ostflandern. Die Immobilie gehört derzeit CAW Oost-Vlaanderen, einer Wohltätigkeitsorganisation, die in der Region soziale Dienste anbietet.
Die Reaktion der Arbeiter: „Das wäre ein Diebstahl“
Unter den Bauarbeitern war auch Kobe, ein 18-jähriger Student, der im Sommer jobbte. In einem Interview mit dem belgischen öffentlichen Rundfunk VRT erzählte er: „Unsere erste Reaktion war Unglaube und Staunen. Zuerst dachte ich, es seien 1-Euro-Münzen, aber dann sahen wir einen Goldklumpen und realisierten, dass es etwas Größeres war.“
Der Bauleiter Mario erklärte deutlich, warum sie den Schatz nicht behalten wollten: „Es gibt so viele Münzen und Barren, dass es fast unmöglich wäre, das zu verstecken. Außerdem wäre das ein Diebstahl.“ Kobe pflichtete bei: „9 Millionen Euro – das kann man einfach nicht verbergen.“
Sie alarmierten sofort die örtliche Polizei, die den Schatz sicherstellte und in einen Tresor mit hoher Sicherheitsstufe der belgischen Bundesregierung brachte.
Die historische Spur: Die Familie Van Assche
Das Geheimnis um den ursprünglichen Besitzer begann sich dank des Historikers und ehemaligen Bürgermeisters von Dendermonde, Piet Buyse, zu lüften. Er erklärte gegenüber VRT, dass der Schatz der Familie Van Assche gehören dürfte, einer der wohlhabendsten Familien der Region, die in der Bierbrauerei, Gastronomie und Immobilien tätig war.
Laut Buyse hatte Theofiel Van Assche drei Söhne, die nie heirateten und keine Nachkommen hinterließen. Nach ihrem Tod wurde das Haus den Priestern geschenkt und 1982 der Abtei von Dendermonde übergeben. „Wahrscheinlich wusste niemand, dass auch Gold darin war“, so der Historiker.
Der Schatz wurde vermutlich nach dem Zweiten Weltkrieg versteckt, als die Familie bereits ein großes Vermögen angesammelt hatte und einen Teil davon in Gold als sicheren Wert anlegte – eine damals übliche Praxis nach dem Börsencrash von 1929.
Wem gehört das Gold? Das belgische Gesetz gibt die Antwort
Das Schicksal des Schatzes hängt von einem rechtlichen Verfahren ab, das sich über bis zu fünf Jahre erstrecken kann. Nach belgischem Recht hat der rechtmäßige Eigentümer diese Zeit, um Anspruch anzumelden. Die Staatsanwaltschaft Ostflanderns hat bereits Ermittlungen eingeleitet, um die genaue Herkunft zu klären.
Sollte sich niemand melden, sieht das Zivilrecht vor, dass ein versteckter Schatz auf fremdem Grundstück zu gleichen Teilen zwischen dem Finder und dem Grundstückseigentümer aufgeteilt wird. Diese Regel gilt jedoch nur, wenn nicht nachgewiesen wird, dass der Schatz mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung steht.
Die Wohltätigkeitsorganisation CAW Oost-Vlaanderen als Eigentümerin des Gebäudes hat bereits erklärt, das Geld bei einem rechtlichen Zuspruch für die Finanzierung von Notunterkünften und Dienstleistungen für Obdachlose verwenden zu wollen.
Schaulustige und Schatzsucher: Polizei bittet um Besonnenheit
Die Nachricht lockte Dutzende Schaulustige in die Nähe des Gebäudes, einige sogar mit der Absicht, weiteres Gold zu suchen. Die örtliche Polizei musste Gerüchte dementieren: „Das Grundstück wurde bereits vollständig abgesucht, der Schatz wurde an einen sicheren Ort gebracht. Es gibt nichts mehr zu finden“, sagte ein Sprecher.
Die Polizei, die sogar ihr Facebook-Profilbild mit einer Goldmünze aktualisierte, äußerte die Hoffnung, dass das Fundstück „an den richtigen Ort gelangt und das Leben der Menschen verändert“.
Der Fall, der Geschichte, Mysterium und eine Portion Glück vereint, hält ganz Belgien in Atem, während die komplizierte Frage nach dem Eigentum an einem Schatz geklärt wird, der jahrzehntelang verborgen blieb.