Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat bei einer Inspektion in Syrien mehrere Tonnen nicht deklarierten Nuklearmaterials entdeckt – ein Erbe des Assad-Regimes, das nun die Zukunft des Landes prägen könnte. IAEA-Chef Rafael Grossi sprach bei seinem historischen Besuch in Damaskus von einer „mutigen Entscheidung“ der neuen Führung.

Ein Fund mit Sprengkraft: Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat in Syrien mehrere Tonnen Nuklearmaterial in einer Anlage entdeckt, die vom früheren Regime von Baschar al-Assad nie deklariert wurde. Der spektakuläre Fund wurde am 18. August 2026 vom Generaldirektor der Behörde, dem Argentinier Rafael Grossi, bei einem historischen Besuch in Damaskus bekannt gegeben – der ersten Reise eines IAEA-Chefs in das Land seit 18 Jahren.

Ein dunkles Erbe des Assad-Regimes

Bei dem Material handelt es sich nach Angaben Grossis um „Tonnen von Natururan“ – also Uran, wie es in der Natur vorkommt und das für zivile Zwecke angereichert oder in Reaktoren eingesetzt werden kann. Die Anlage, die nun unter internationaler Beobachtung steht, wurde von den neuen syrischen Behörden nach dem Sturz von Assad im Dezember 2024 entdeckt. Am 17. Juli 2026 informierte Damaskus die IAEA offiziell über den Fund – ein Schritt, den Grossi als „mutige Entscheidung“ lobte.

Der syrische Außenminister Asaad al-Shaibani bezeichnete den Fund bei einer Pressekonferenz im früheren Präsidentenpalast Tishreen als „Vermächtnis des alten Regimes“ und betonte, dass nach ersten technischen Bewertungen „keinerlei Gefahr“ von dem Material ausgehe. Grossi würdigte die Kooperationsbereitschaft der neuen Führung und kündigte an, dass das Material unter syrischer Aufsicht bleibt, aber den internationalen Sicherheitskontrollen der IAEA unterliegt.

Deir Ezzor und der zerstörte Reaktor

Der Fund steht in direktem Zusammenhang mit einem jahrelangen Streit um Syriens geheimes Atomprogramm. Bereits 2007 hatte Israel eine Anlage in Deir Ezzor im Osten Syriens bombardiert, von der die USA behaupteten, es handele sich um einen geheimen Atomreaktor, der mit nordkoreanischer Hilfe gebaut worden sei. Die IAEA kam 2011 zu dem Schluss, dass Syrien seine internationalen Verpflichtungen verletzt hatte, weil es den Reaktorbau nicht deklarierte und unzureichende Informationen lieferte.

Der zerstörte Reaktor von Al Kibar, wie die Anlage auch genannt wird, galt lange als eines der größten Geheimnisse der Nichtverbreitungspolitik im Nahen Osten. Jetzt, nach 18 Jahren, konnte Grossi den Ort persönlich besichtigen – ein historischer Moment. Bei seinem Besuch inspizierte er neben dem Nuklearmaterial auch eine Anlage, in der „große Mengen Graphit“ gelagert werden, die mit den früheren Aktivitäten in Deir Ezzor in Verbindung stehen.

„Wir beginnen, eine Seite umzublättern, und eine Seite umblättern bedeutet nicht, die Vergangenheit zu vergessen.“

Rafael Grossi, Generaldirektor der IAEA

Wichtigste Fakten zum Fund

  • Datum der Ankündigung: 18.08.2026
  • Menge: Mehrere Tonnen
  • Material: Natururan (laut Grossi)
  • Notifikation: 17.07.2026
  • Ort: Nicht deklarierte Anlage außerhalb von Damaskus
  • Status: Unter syrischer Aufsicht, mit IAEA-Kontrollen

Zeitleiste der Ereignisse

  • 2007: Israel zerstört Anlage in Deir Ezzor
  • 2011: IAEA stellt Verstöße Syriens fest
  • 2024: Sturz Assads und Beginn der Transition
  • 2025: Grossi trifft Präsident Ahmed al-Sharaa
  • 17.07.2026: Syrien meldet Material an IAEA
  • 18.08.2026: Grossi besucht Damaskus und Deir Ezzor

Ein historisches Abkommen: Syrische Kontrolle, internationale Aufsicht

Das zwischen Syrien und der IAEA ausgehandelte Abkommen sieht vor, dass das Nuklearmaterial physisch unter syrischer Kontrolle bleibt, aber dem internationalen Safeguards-System der IAEA unterliegt. Das bedeutet: Inspektoren der Behörde werden das Material inventarisieren, seine Lagerung überwachen und sicherstellen, dass es nicht für verbotene Zwecke verwendet wird. Syrische Teams und internationale Experten arbeiten gemeinsam an den Bedingungen für eine sichere Lagerung.

Geopolitische Dimension: Grossi und die UN-Wahl

Der Fund kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt in Grossis Karriere: Der Argentinier ist einer von sieben Kandidaten für die Nachfolge von António Guterres als UN-Generalsekretär. In der ersten Vorbewertung des Sicherheitsrats landete er auf Platz drei – hinter Rebeca Grynspan aus Costa Rica und Carolyn Rodrigues-Birkett aus Guyana. Die nächste Abstimmung ist für den 21. August 2026 geplant.

Nach Informationen des US-Nachrichtenportals Axios hatten die USA und Israel gehofft, dass das Material aus der geheimen Anlage, die beide Regierungen als „Standort 99“ bezeichnen, vollständig abtransportiert würde. Letztlich einigten sich die Parteien jedoch darauf, das Material in Syrien zu belassen – unter strenger internationaler Überwachung.

Was bedeutet das für Syriens Zukunft?

Grossi betonte, dass die Lösung dieser offenen Fragen den Weg für eine zivile Nutzung der Atomenergie in Syrien ebnen könnte – etwa für Energiegewinnung, Medizin oder Landwirtschaft. Außenminister al-Shaibani bekräftigte das „souveräne und rechtmäßige Recht“ Syriens auf die friedliche Nutzung der Kernenergie und versprach weitere Kooperation mit der IAEA. Die Transparenz sei eine bewusste Entscheidung der neuen Führung.

Der Besuch Grossis in Damaskus und der historische Einblick in Deir Ezzor markieren einen Wendepunkt: Nach Jahren der Blockade und Geheimniskrämerei beginnt Syrien unter internationaler Beobachtung ein neues Kapitel – hoffentlich ein friedliches.