Einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien zeigen Umfragen ein enges Rennen zwischen Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, mit Augusto Cury als aufstrebendem Drittkandidaten. Wirtschaft, Korruption und die Beziehungen zu Argentinien prägen die Agenda.

Ein Duell, das Brasiliens Zukunft bestimmt

Am 4. Oktober 2026 findet in Brasilien die erste Runde der Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (PT) strebt die Wiederwahl an, während die Rechte mit Flávio Bolsonaro, dem Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, antritt. Ein dritter Kandidat, der Psychiater und Schriftsteller Augusto Cury (Avante), hat an Boden gewonnen und könnte bei einer möglichen Stichwahl entscheidend sein.

Die jüngsten Umfragen, die zwischen dem 30. August und 1. September erhoben wurden, zeigen ein wettbewerbsfähiges Szenario. Laut Quaest erhält Lula 37% der Stimmen, Flávio 30% und Cury 10%. RealTime Big Data sieht Lula bei 38%, Flávio bei 30% und Cury bei 11%. AtlasIntel ist optimistischer für die Regierungspartei: Lula 43,4%, Flávio 33,7% und Cury 7,8%. BTG/Nexus platziert Lula zwischen 39% und 41% und Flávio zwischen 33% und 37%, während Datafolha 39% für Lula und 33% für Flávio registriert.

Für eine mögliche zweite Runde ist das Bild noch unklarer. Quaest zeigt ein technisches Unentschieden: Lula 42%, Flávio 41%. RealTime Big Data sieht ebenfalls ein Unentschieden bei 44% für beide. BTG/Nexus gibt Lula 46% und Flávio 45%. AtlasIntel vergrößert den Abstand: Lula 47,1%, Flávio 42,6%. Datafolha und PoderData stimmen mit einem Vorsprung von 2 bis 4 Punkten für Lula überein (47% vs. 43% bzw. 45% vs. 44%).

Falls die Stichwahl zwischen Lula und Cury stattfindet, gibt Quaest dem Präsidenten 40% gegenüber 34% für den Psychiater.

Die Wirtschaft: Die große Herausforderung

Brasilien geht mit einer sich verlangsamenden Wirtschaft in die Wahlen. Das BIP wuchs im zweiten Quartal 2026 nur um 0,5%, deutlich unter den 1,1% des ersten Quartals. Die Inflation liegt im Jahresvergleich bei etwa 4,2% (IPCA-15: 4,24% im August), über dem offiziellen Ziel von 3%. Der Selic-Leitzins bleibt bei 14%, nahe einem Zwei-Jahrzehnte-Hoch, und die Bruttostaatsverschuldung erreicht 82% des BIP.

Positiv ist, dass die Arbeitslosigkeit bei 5,3% liegt, ein historischer Tiefststand für das im Juli abgeschlossene Quartal, mit 103,3 Millionen Beschäftigten. Das reale Arbeitseinkommen ist 13% höher als Ende 2022, stagniert jedoch in den letzten Monaten. Allerdings ist die Verschuldung der Haushalte hoch: Sie verwenden etwa 29% ihres Einkommens für Schuldentilgung, ein Maximum seit zwei Jahrzehnten, und die Zahlungsrückstände erreichen 6,9%. Der Konsum der Haushalte fiel im zweiten Quartal um 0,4%.

Wirtschaftliche Vorschläge im Wettstreit

Lula da Silva schlägt eine stärkere Präsenz des Staates vor, mit Fortsetzung des aktuellen Fiskalrahmens, einer neuen Phase des PAC (Wachstumsbeschleunigungsprogramm) für Infrastruktur, Konzessionen an den Privatsektor und Sozialprogrammen wie „Minha Casa, Minha Vida“.

Flávio Bolsonaro hingegen setzt auf eine orthodoxe Sparagenda: neue Ausgabenobergrenze, Reduzierung von mindestens 10 Ministerien, Kürzung der Verwaltungsausgaben, Privatisierungen und eine Fiskalregel, die an das Verhältnis von Schulden zum BIP gekoppelt ist.

Korruption: Die Söhne im Zentrum

Der Wahlkampf wird auch von Skandalen überschattet, die die Söhne der Hauptkandidaten betreffen.

Flávio Bolsonaro wird im Fall der „rachadinhas“ (Aneignung eines Teils der Gehälter öffentlicher Angestellter), seiner Verbindungen zu Milizen und im Fall „Dark Horse“ untersucht. Laut Ermittlungen soll der ehemalige Eigentümer der Banco Master, Daniel Vorcaro, einen Film über Jair Bolsonaro mit bis zu 134 Millionen Reais finanziert haben, von denen etwa 61 Millionen überwiesen wurden. Auch Eduardo Bolsonaro und Mario Frias stehen im Fokus.

Auf Seiten der Regierungspartei sieht sich Fábio Luís Lula da Silva, bekannt als „Lulinha“, drei Ermittlungen der Bundespolizei wegen mutmaßlicher Einflussnahme in den Fällen World Cannabis, INSS und Dataprev/3Structure IT gegenüber. Bisher gibt es nur Hinweise, ohne Beweise, dass er Gelder erhalten hat. Präsident Lula wird nicht untersucht.

Märkte und Investitionen: Chancen in Brasilien

Der Finanzmarkt rechnet bereits mit einer Fortsetzung unter Lula, aber die Unsicherheit konzentriert sich auf eine mögliche zweite Runde und die fiskalischen Signale der nächsten Regierung. Die Bewertungen brasilianischer Unternehmen sind komprimiert, was für einige Analysten eine Einstiegschance darstellt.

Zu den von Analysten von Cohen und IOL Inversiones hervorgehobenen Vermögenswerten gehören:

  • Nubank (NU): Ausweitung des Kreditportfolios, Verbesserung bei Zahlungsrückständen und Uneinbringlichkeit.
  • Traditionelle Banken: Bradesco (BBD), Itaú (ITUB) und BTG Pactual (BPAC) zu niedrigen Multiplikatoren. Bradesco notiert bei etwa dem 1,07-fachen seines Buchwerts.
  • Ambev (ABEV): defensives Profil, Massenkonsum, Dividende von ~4,6% pro Jahr.
  • Petrobras (PBR): höheres Risiko, abhängig von Politik und Ölpreis.
  • ETF EWZ: um die allgemeine Bewegung des brasilianischen Marktes zu erfassen.

Beziehungen zu Argentinien: Spannung und Annäherung

Die Beziehung zwischen Argentinien und Brasilien durchlebt eine Phase der Spannung, insbesondere aufgrund der Differenzen zwischen dem argentinischen Präsidenten Javier Milei und Lula da Silva. Während Mileis Regierung bei den Wahlen auf Flávio Bolsonaro setzt, reisen argentinische Oppositionsabgeordnete nach Brasilien, um die bilateralen Beziehungen zu verbessern.

Der Gouverneur der Provinz Buenos Aires, Axel Kicillof, hat sich mindestens dreimal mit Lula getroffen, um eine Kooperationsagenda in den Bereichen Telekommunikation, neue Technologien, Agrarindustrie und Handelsaustausch zu etablieren.

Mit einem so engen Rennen bereitet sich Brasilien auf eine Wahl vor, die nicht nur seine interne Richtung, sondern auch das regionale Gleichgewicht in Südamerika bestimmen wird.