Seit dem 1. August 2026 blockieren über 140 Schiffe die argentinischen Häfen, nachdem die Lotsen aus Protest gegen das neue Dekret 690/2026 ihre Arbeit niedergelegt haben. Die Küstenwache (Prefectura Naval) forderte nun 536 Lotsen unter Androhung strafrechtlicher Konsequenzen zur sofortigen Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit auf. Der Energiesektor bleibt vorerst verschont – Tanker für Öl und Gas arbeiten normal weiter.

Was sind Lotsen und warum sind sie so wichtig?

Lotsen (spanisch prácticos) sind hochqualifizierte Nautiker, die Kapitäne bei der Navigation in schwierigen Gewässern wie Flüssen, Kanälen und Hafenanlagen beraten. In Argentinien ist der Río Paraná die Lebensader des Außenhandels – über ihn werden Getreide, Soja, Erdöl und andere Exportgüter transportiert. Ohne Lotsen dürfen Schiffe weder ein- noch auslaufen. Ihre genaue Kenntnis von Strömungen, Tiefen und lokalen Gefahren ist unersetzlich. Derzeit sind rund 536 aktive Lotsen im ganzen Land registriert.

Das Dekret 690/2026: Mehr Wettbewerb, weniger Kosten

Am 30. und 31. Juli 2026 veröffentlichte die argentinische Regierung unter Präsident Javier Milei und Deregulierungsminister Federico Sturzenegger das Dekret 690/2026 im Amtsblatt. Es ersetzt die seit 1991 geltende Verordnung und zielt darauf ab, die Logistikkosten zu senken und den Wettbewerb zu fördern. Die wichtigsten Änderungen:

  • Abschaffung der Höchstzahl der zugelassenen Lotsen – jeder kann sich eintragen lassen.
  • Reeder und Schiffsagenten können Lotsen direkt beauftragen, ohne Zwischenhändler.
  • Die nationale Hafen- und Schifffahrtsbehörde (ANPYN) legt Höchsttarife fest.
  • Aufhebung der geografischen Segmentierung – ein Lotse kann nun eine gesamte Strecke begleiten, statt mehrfach wechseln zu müssen.

Bisher kostete ein einziger Lotsendienst für einen Frachter, der im Paraná Getreide laden wollte, zwischen 50.000 und 100.000 US-Dollar. Die Regierung verspricht durch die Reform deutliche Einsparungen.

Die Protestaktion der Lotsen

Seit dem 1. August 2026 weigern sich die Lotsen, neue Aufträge anzunehmen. Da sie selbstständig arbeiten, handelt es sich nicht um einen klassischen Streik, sondern um eine koordinierte Arbeitsverweigerung. Laut dem Schifffahrtszentrum (Centro de Navegación) sind dadurch mindestens 140 Schiffe (nach anderen Quellen über 150) in den Häfen von Gran Rosario, San Lorenzo, Timbúes, Puerto General San Martín, La Plata, Dock Sud und Bahía Blanca blockiert. Einige Schiffe wurden bereits nach Montevideo (Uruguay) oder in südbrasilianische Häfen umgeleitet.

Maßnahmen der Behörden und Ausnahmen für die Energieversorgung

Am 4. August 2026 veröffentlichte die Prefectura Naval Argentina (Küstenwache) einen Erlass im Amtsblatt, in dem 536 Lotsen aufgefordert werden, ihre Arbeit sofort wieder aufzunehmen. Bei Zuwiderhandlung drohen strafrechtliche Konsequenzen gemäß den Artikeln 190 und 194 des Strafgesetzbuches (Widerstand gegen die öffentliche Gewalt und Gefährdung des Verkehrs).

Eine positive Nachricht: Tanker mit Erdöl und Flüssiggas sind von der Blockade ausgenommen und arbeiten normal weiter, um die Treibstoffversorgung der Bevölkerung zu sichern. Die argentinische Energie-Kammer (CADE) arbeitet eng mit den Behörden zusammen, um eine schnelle Lösung zu finden. Alle Beteiligten zeigen sich zuversichtlich, dass der Hafenbetrieb bald wieder normal läuft.

Quellen: Ámbito, La Nación, Clarín, La Nueva