Hoffnung inmitten der Trümmer
Die kolumbianischen Behörden haben beschlossen, die Such- und Rettungsarbeiten nach dem Erdbeben der Stärke 7,4, das das Land am Montag, den 10. August erschütterte, bis Samstag, den 15. August zu verlängern. Das Epizentrum lag in San José del Palmar, im Departement Chocó. Trotz der sogenannten kritischen 72-Stunden-Frist, die am Donnerstag erreicht wurde, halten die Teams an der Suche fest, weil an mehreren Stellen der eingestürzten Gebäude mögliche Lebenszeichen entdeckt wurden – besonders in Cali.
Präsident Abelardo de la Espriella gab in einer neuen Bilanz bekannt, dass die Zahl der Todesopfer auf 288 gestiegen ist, während 4.018 Verletzte und 202 Vermisste registriert wurden. Zudem konnten 354 Menschen lebend gerettet werden, und mehr als 44.936 Familien in 15 Departements sind betroffen.
„Unsere Anstrengungen und unsere Gebete gelten den Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben“, so der Präsident.
Cali und Pereira: Die kritischsten Brennpunkte
Laut dem Bericht der Asociación Colombiana de Ciudades Capitales (Asocapitales) vom 14. August ist Cali die Hauptstadt mit der schwersten Bilanz: 105 Tote, 1.401 Verletzte und 115 Vermisste, dazu 107 zerstörte Wohnhäuser und 800 beschädigte. In Pereira sieht es nicht besser aus: 93 Tote, 260 Vermisste und 259 Verletzte, mit 66 eingestürzten Gebäuden und 60 beschädigten Bildungseinrichtungen.
Das Institut für Rechtsmedizin meldete, dass 260 Leichen aus den Departements Chocó, Caldas, Risaralda und Valle del Cauca eingegangen sind. Davon wurden 246 Opfer identifiziert, darunter 17 Minderjährige, und 222 Leichen wurden bereits an ihre Familien übergeben.
Die Wissenschaft hinter der Suche
Die Entscheidung, den Einsatz zu verlängern, basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und realen Fällen. Eine medizinische Übersichtsarbeit zeigt, dass die Überlebensrate in den ersten 24 Stunden bei etwa 90 % liegt, nach 48 Stunden auf etwa 50 % sinkt und nach 72 Stunden nur noch 20 % beträgt. Es gibt jedoch außergewöhnliche Fälle, in denen Menschen nach 13 oder 14 Tagen unter Trümmern lebend geborgen wurden.
Ein aktuelles Beispiel: In Venezuela überlebte Hernán Gil, ein 43-jähriger Wachmann, acht Tage unter den Trümmern eines Gebäudes in La Guaira und wurde am 2. Juli 2026 lebend gerettet.
Freiwillige: Die Solidarität, die nicht aufgibt
Inmitten der Tragödie ist die Solidarität zu einer tragenden Säule geworden. Daiana Rojas, eine 25-jährige Trainerin, tauschte ihre Fitnessroutine gegen Helme, Handschuhe und Wasser, um in Cali bei den Rettungsarbeiten zu helfen. „Es ist unmöglich, bei einer Katastrophe in der eigenen Stadt nicht zu helfen“, sagte sie, während sie Hilfsgüter neben einem eingestürzten Gebäude organisierte. Rojas erlebte die Rettung von zwei Menschen, die sie als „ein riesiges Glück“ beschrieb.
Die geballten Fäuste sind zum universellen Zeichen für Ruhe in den Einsatzgebieten geworden. Wenn die Retter glauben, unter den Trümmern ein Geräusch zu hören, verstummen alle und bewegen sich nicht, um jedes Lebenszeichen wahrzunehmen. Wenn eine Antwort kommt, verwandelt sich die Stille in Applaus und Hoffnung.
Internationale Hilfe und Nachbeben
Die internationale Gemeinschaft reagierte schnell. Die Vereinigten Arabischen Emirate kündigten eine Spende von 10 Millionen US-Dollar an, während Feuerwehrleute aus Los Angeles zur Unterstützung bei der Suche und Gebäudebewertung eintrafen. Spanien steuerte 1 Million Euro bei, Chile schickte 20 Tonnen Hilfsgüter und die USA stellten 15,5 Millionen US-Dollar bereit. Auch Conmebol und der kolumbianische Fußballverband spendeten 1 Million US-Dollar.
Seit dem Beben wurden 160 Nachbeben registriert, darunter eines der Stärke 4,2 in San José del Palmar. Das Epizentrum liegt in Chocó, einer der ärmsten und am schwersten zugänglichen Regionen des Landes, wo Dschungel, Flüsse und die Präsenz bewaffneter Gruppen den Zugang für Teams und Hilfsgüter erschweren.
Präsident De la Espriella hat den wirtschaftlichen Notstand ausgerufen und den Fondo Milagro für den Wiederaufbau geschaffen. Zudem kündigte er einen „Marshall-Plan“ für das Departement Chocó an. Die Kosten für den Wiederaufbau könnten nach Schätzungen von AmCham über 20 Billionen kolumbianische Pesos betragen.
Wichtige Fakten zum Erdbeben
- Stärke: 7,4
- Epizentrum: San José del Palmar, Chocó
- Datum: 10. August 2026
- Tote: 288
- Verletzte: 4.018
- Vermisste: 202
- Lebend gerettet: 354
- Betroffene Familien: 44.936
- Nachbeben: 160