In einem beispiellosen Akt der Solidarität hat die Schweiz einen Notfallmechanismus aktiviert, um Wasser vom Luganersee in den Lago Maggiore zu leiten. Ziel ist es, die Reisbauern im Piemont zu versorgen und das Vordringen des Salzwasserkiels im Fluss Po zu stoppen, der seine schlimmste Wasserkrise seit Jahrzehnten durchlebt.

Eine bilaterale Notfallentscheidung

Die Klimakrise trifft Norditalien mit voller Wucht, und angesichts des Notstands hat die Schweiz beschlossen, die Schleusen des Ceresio-Sees (Luganersee) zu öffnen, um dem transalpinen Nachbarn zu helfen. Die Maßnahme, die im bilateralen italienisch-schweizerischen Konsultativorgan dringend beraten wurde, zielt darauf ab, einen ausreichenden Wasserstand im Lago Maggiore zu gewährleisten und die Versorgung der Reisfelder in der Po-Ebene sicherzustellen.

Die italienische Delegation akzeptierte den Schweizer Vorschlag, der fast sofort in Kraft trat und in den kommenden Tagen ständig neu bewertet wird, wie das europäische Medium Euronews berichtete.

Der Po in roten Zahlen

Die Lage ist kritisch. Am 12. August 2026 registrierte der Fluss Po an der Station Pontelagoscuro eine Wassermenge von nur 233 Kubikmetern pro Sekunde – weit unter der kritischen Schwelle von 450 m³/s, die als notwendig gilt, um das Eindringen von Salzwasser zu stoppen. Die Flussgebietsbehörde des Po stufte am 13. August die meisten Abschnitte als schwere Dürre ein, wobei Cremona und Borgoforte bereits in extremer Dürre waren.

Im Piemont liegen die Wasserreserven 37% unter dem Durchschnitt der Periode, mit teils noch höheren Spitzenwerten in einigen Seen. Der Po führt 75% weniger Wasser als üblich. Allein im Juli 2026 verzeichnete die Region eine Temperaturanomalie von mehr als 3,5°C über dem Normalwert.

Der Salzwasserkiel und die Blaue Krabbe

Der Rückgang der Wassermenge ermöglicht es dem Meerwasser, in das Po-Delta einzudringen – ein Phänomen, das als Salzwasserkiel bekannt ist. Diese Salzwasserintrusion beeinträchtigt nicht nur die Trinkwasserentnahmen, sondern begünstigt auch die Ausbreitung der Blauen Krabbe (Callinectes sapidus), einer invasiven exotischen Art, die ursprünglich von der amerikanischen Atlantikküste stammt.

Laut einer in Scientific Reports veröffentlichten Studie wurde die Blaue Krabbe bereits mehr als 160 Kilometer von der Küste entfernt in der Nähe von Mantua im Jahr 2023 gefunden. Die Art ist eurihalin, das heißt, sie toleriert große Schwankungen des Salzgehalts und kann sich so zwischen Meer, Brackwasser und Süßwasser bewegen. Die Forscher registrierten Fänge von bis zu 150 Kilogramm Blauen Krabben in einer einzigen Probe in den Armen Po di Volano und Po di Goro zwischen 2023 und 2024.

Algen: ein weiteres Kopfzerbrechen

Die Dürre und die Hitze haben auch das Algenwachstum im Po-Abschnitt bei Turin explodieren lassen. Die Kombination aus geringerem Wasserstand, Temperaturen von bis zu 28°C und Nährstoffen aus landwirtschaftlichen und tierischen Abfällen schuf die perfekte Bühne für einen grünen Teppich aus Algen und Wasserpflanzen.

Die Stadt Turin hat bereits mehr als 136 Tonnen Algen mit Kosten von rund 100.000 Euro entfernt, wobei ein Bagger auf einem Ponton eingesetzt wurde. Unter den entdeckten Arten finden sich einheimische Algen wie Spirogyra und Cladophora, aber auch invasive Pflanzen wie Blitum nuttallianum, die aus Nordamerika stammt.

Ein Sommer der Rekorde

Die Hitzewelle, die Europa 2026 heimsucht, lässt nicht locker. Der größte Gletscher der italienischen Alpen, der Marmolada-Gletscher, hat in einem Jahr 12 Millionen Kubikmeter Wasser verloren und ist seit 2023 um 265 Meter zurückgegangen. Die Situation ist ein deutliches Beispiel dafür, wie der Klimawandel Ökosysteme verändert und Länder zu beispiellosen Kooperationen zwingt.

Die Schweizer Maßnahme, wenn auch vorübergehend, setzt einen Präzedenzfall im grenzüberschreitenden Wassermanagement und verschafft einer Region, die um ihre landwirtschaftliche Produktion und das Gleichgewicht ihrer Ökosysteme kämpft, eine Atempause.