Argentiniens Präsident Javier Milei sorgte bei einer Veranstaltung vor US-amerikanischen Unternehmern in Buenos Aires für Aufsehen. In einer fast einstündigen Rede griff er die Legalisierung von Abtreibungen an, verknüpfte sie mit sinkenden Geburtenraten und bezeichnete Kritik an seiner Wirtschaftspolitik als "Dummheit".

Wirtschaft, Geburtenrate und eine scharfe Abrechnung: Mileis Rede im Detail

Beim Abschluss des Council of the Americas, der am 20. August 2026 im prestigeträchtigen Alvear Palace Hotel in Buenos Aires stattfand, hielt der argentinische Präsident Javier Milei eine fast einstündige Grundsatzrede. Vor einem Publikum aus internationalen Unternehmern und Investoren zog er eine Zwischenbilanz seiner Wirtschaftspolitik und griff dabei sowohl die politische Opposition als auch die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs an. Der Council of the Americas ist ein einflussreicher Wirtschaftsverband, der die Interessen US-amerikanischer Unternehmen in Lateinamerika vertritt und regelmäßig Spitzenpolitiker der Region einlädt.

„Wir zahlen sehr teuer für den Wahn der grünen Tücher“, erklärte Milei und Bezog damit auf das Symbol der Kampagne für das Recht auf Abtreibung. In Argentinien wurde diese als Gesetz 27.610 zur Freiwilligen Schwangerschaftsunterbrechung (IVE) im Dezember 2020 unter dem damaligen Präsidenten Alberto Fernández verabschiedet. Der Präsident stellte eine kausale Verbindung zwischen dieser Legalisierung und der sinkenden Geburtenrate des Landes her, die laut offiziellen Daten des Nationalen Gesundheitsministeriums (DEIS) bereits seit 2014 rückläufig ist.

„Die Argentinien erreicht heute keine Bevölkerungswachstumsrate und Geburtenrate, die eine Erneuerung der Gesellschaft zulässt. Diese Leidenschaft, Kinder im Mutterleib zu töten, kostet uns also auch wirtschaftlich sehr viel – und erst recht im Rentensystem“, fuhr er fort. Damit befeuert Milei erneut einen stark polarisierenden Debatte im Land, die nach der Abtrebtsgesetzgebung und bis heute andauert.

Was sagen die Daten zur Geburtenrate?

Fachleute wie die Direktorin für Geschlechterpolitik bei der Stiftung Fundar, María de las Nieves Puglia, widersprechen dieser Darstellung gegenüber Chequeado. Die globale Geburtenrate sinkt laut Weltbank schon seit über zehn Jahren – unabhängig von der jeweiligen Abtreibungsgesetzgebung. Die Gründe sind vielschichtig: der Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt, Zugang zu Verhütung, wirtschaftliche Unsicherheit und veränderte Lebensentwürfe.

Der UNFPA (Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen) führte in Argentinien eine Umfrage durch, die zeigt: 57% der Menschen zwischen 18 und 45 Jahren hätten gerne mehr Kinder, verzichten aber aus wirtschaftlichen Gründen und mangelnder Arbeitsplatzstabilität darauf. Die Fruchtbarkeitsrate liegt landesweit bei nur 1,2 Kindern pro Frau.

Milei gegen Kritiker: „Dummheit“ und Borges-Zitat

In einem anderen Abschnitt griff Milei die weit verbreitete Kritik auf, dass viele Bürger nicht über die Runden kämen. Mit Verweis auf den berühmtesten Schriftsteller des Landes, Jorge Luis Borges, konterte er: „Wenn der technologische Fortschritt Arbeitsplätze zerstören würde, müsste die Arbeitslosenquote 90% betragen, weil kein einziger neuer Arbeitsplatz entstehen könnte.“ Er berief sich auf aktuelle Indikatoren: Die Arbeitslosenquote liege bei 7,8%. Die Aussage, die Menschen kämen nicht über die Runden, sei eine „Wiederholung von Dummheiten“ – und sein Lieblingsargument für weitere Marktführung: „Die argentinische Wirtschaft ist ein Gefängnis“, das nur durch Integration in die globalen Märkte geöffnet werden könne.

Zahlen, die Milei nannte – und ein Vergleich

Milei präsentierte stolz Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung. Die Großhandelspreise fielen von 54% im Dezember 2023 auf 0,8% im Juli 2026. Ein symbolisches Versprechen: Er wolle ein Konzert mit seiner Band geben, wenn die monatliche Verbraucherpreisinflationsrate mit Null beginnt – der Punkt scheint absehbar.

Inflationsvergleich vergangener Regierungen:
Cristina Fernández de Kirchner

Erbte: 8,5% – Hinterließ: 26,9%

Mauricio Macri

Erbte: 26,9% – Hinterließ: 53,8%

Alberto Fernández

Erbte: 53,8% – Hinterließ: 211%

Er sagte weiter: „Wir haben die Inflation um 85% gesenkt.“ Zudem verwies er auf das Wirtschaftswachstum von 6% im Jahr 2024 und 4% im Jahr 2025 – kumuliert über zehn Prozentpunkte. Die Armut habe man um mehr als 14 Millionen Menschen reduziert, gab er an. Gleichzeitig räumte er ein: „Das Bild ist immer noch schrecklich, aber die Entwicklung ist die beste in der argentinischen Geschichte.“ Solche Relativierungen sind charakteristisch für seine politische Kommunikation, die Erfolge stark betont, während soziale Folgen der Schocktherapie noch spürbar bleiben.

Angriff auf Medien und Pressefreiheit?

Milei nutzte die Rede auch für eine Abrechnung mit der Presse. Er thematisierte den Fall der Journalistin Débora Plager (Sender LN+), die er in der Vergangenheit als „Komplizin von Mord“ bezeichnet hatte, weil sie das Abtretsgesetz unterstützte. In seiner Rede sprach er erneut abwertend über die grünen Tücher und deren Agenda – ein Tabu-Thema in vielen Kontexten, aber ein gefährlicher Diskurs, der in Argentinien auch über die Presseethik hinausgeht.

Rückhalt für den Deregulierungs-Minister

Der Präsident lobte außerdem seine Arbeit. Er richtete sich an seinen Deregulierungsminister Federico Sturzenegger: „Wenn ihr einen menschlichen Abschaum seht, der Federico kritisiert, dann deshalb, weil er ein Geschäft schützt.“ So direkt stützte er seinen Verbündeten gegen andauernde Anfeindungen aus Wirtschaftsverbänden.

Quellen dieser Analyse sind Berichte von La Nación, Infobae, Urgente24 und La Voz. Die Informationen basieren auf offiziellen Daten und Auswertungen der genannten Quellen – ohne weitere eigene Recherche.