17/06/2026 21:56 - Internacionales
Presidente brasileño Lula da Silva dando discurso en cumbre internacional del G7 en Évian Francia, con banderas de países miembros de fondo, ambiente diplomático formal
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, einer der prominentesten Politiker Lateinamerikas, nutzte am 16. Juni 2026 das internationale Podium des G7-Gipfels in Évian-les-Bains, Frankreich, um eine leidenschaftliche Kritik an der aktuellen Weltpolitik zu äußern.
Hintergrund für deutsche Leser: Lula, wie er allgemein genannt wird, ist eine Ikone der lateinamerikanischen Linken. Als ehemaliger Metallarbeiter und Gewerkschaftsführer führte er Brasilien bereits von 2003 bis 2010 und kehrte 2023 ins Präsidentenamt zurück. Sein politisches Programm konzentriert sich auf soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und eine unabhängige Außenpolitik Brasiliens.
In seiner Rede, die laut der offiziellen Transkription der brasilianischen Präsidialkanzlei veröffentlicht wurde, kritisierte Lula den Protektionismus und Unilateralismus scharf: "Protektionismus und Unilateralismus entstehen jetzt als trügerische Antworten auf die Komplexität unserer Probleme."
Protektionismus bezeichnet wirtschaftspolitische Maßnahmen, die heimische Industrien durch Zölle, Importbeschränkungen oder Subventionen vor ausländischer Konkurrenz schützen. Während dies kurzfristig nationale Arbeitsplätze sichern kann, führt es langfristig oft zu höheren Preisen für Konsumenten und geringerer Wettbewerbsfähigkeit.
Lula argumentierte, dass solche Maßnahmen besonders Länder des Globalen Südens treffen – eine Bezeichnung für Entwicklungsländer in Lateinamerika, Afrika und Asien, die historisch benachteiligt wurden.
Der brasilianische Präsident beklagte, dass der Abstand zwischen den wohlhabenden Industrienationen und den Entwicklungsländern in den letzten Jahren zugenommen habe. Er führt dies teilweise auf den Neoliberalismus zurück – eine Wirtschaftstheorie, die Deregulierung, Privatisierung und freie Märkte betont.
Lula forderte eine deutliche Erhöhung der internationalen Klimafinanzierung auf mindestens 1,3 Billionen Dollar (ca. 1,2 Billionen Euro) jährlich zur Umsetzung des Pariser Abkommens von 2015, das das Ziel einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius verfolgt.
Wichtige Zahl: Die internationale Entwicklungshilfe sei im Vorjahr um 23% gesunken, während Organisationen wie das Welternährungsprogramm (WFP), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und UNICEF erhebliche Kürzungen hinnehmen müssen.
Ein besonders deutlicher Vergleich: Die weltweiten Militärausgaben betragen rund 3 Billionen Dollar jährlich – mehr als das Doppelte der geforderten Klimafinanzierung. Lula betonte, dass bewaffnete Konflikte Ressourcen und Aufmerksamkeit von der globalen Entwicklungsagenda ablenken.
Der G7-Gipfel versammelt die sieben größten Industrienationen: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA. Brasilien ist kein ständiges Mitglied, wurde aber als Gast eingeladen, um die Perspektive des Globalen Südens einzubringen.
Im Vorfeld hatte die US-Regierung die brasilianischen Kriminalorganisationen Comando Vermelho (CV) und Primeiro Comando da Capital (PCC) auf ihre Liste ausländischer Terrorgruppen gesetzt.
Lula betonte, dass die Zusammenarbeit gegen das organisierte Verbrechen "den Respekt vor der Souveränität der Staaten beachten muss".
Der Präsident plädierte für grundlegende Reformen des internationalen Finanzsystems, damit Entwicklungsländer nicht mehr zwischen Schuldentilgung und Grundversorgung ihrer Bevölkerung wählen müssen.
Zu den von Brasilien initiierten Vorschlägen gehören:
Brasilien beherbergt den größten Teil des Amazonas-Regenwaldes, der als "Lunge der Erde" gilt. Der vorgeschlagene Fonds soll den Schutz dieses entscheidenden Ökosystems finanzieren.
Ein Programm zum Erfahrungsaustausch und zur Förderung öffentlicher Politiken zur Reduzierung von Ungleichheiten – ein Thema, mit dem Lula durch sein "Zero Hunger"-Programm persönliche Erfahrung hat.
Alfredo S. Quiroga